Lerncoaching

Reges Interesse am Lerncoaching-Abend des Fürstenberg-Gymnasiums

Was ist eigentlich Lerncoaching? Dieses Konzept geht davon aus, dass jeder Mensch über die Ressourcen verfügt, um sein Leben und Lernen zu gestalten. Dieses Potential gilt es zu entdecken und zu nutzen, dabei kann – wie im Sport – ein Coach helfen. In diesem Fall sind die „Trainer“ acht Lehrerinnen und Lehrer, die vor einem Jahr begonnen haben, sich zu Lerncoaches ausbilden zu lassen. Vier von ihnen präsentierten einer interessierten Elternschaft am vergangenen Donnerstag im Klausurraum der Fürstenbergschule das Konzept.
Am besten, so Heike Kremer, könne man das Lerncoaching über das erklären, was es nicht sei: Es sei keine fachliche Nachhilfe, auch keine psychosoziale Beratung. Eher sei es, wie Christine Lampa-Pruisken anhand einer PowerPoint-Präsentation ausführte, als eine Er-gänzung und Vertiefung der Lernen-Lernen-Bausteine zu verstehen, die schon seit vielen Jahren in den Jahrgangsstufen 5 bis 7 erfolgreich umgesetzt werden. Dabei lernen die Schülerinnen und Schüler z.B., wie wichtig ein auf¬ge¬räumter Schreibtisch für die Schulvorbereitungen ist, wie man die Hausaufgaben erledigt, sich auf Klassenarbeiten vorbereitet, sich Notizen macht, Gruppenarbeiten durchführt etc.
Beim Lerncoaching geht es auch darum, das Lernen besser zu lernen, damit der Coachee, also der Schüler, wieder Freude am Lernen findet und erfolgreicher arbeiten kann. Allerdings nicht im Klassenverband, sondern im Einzel- oder (Klein-)Gruppencoaching. Es geht auch nicht um Themen, die ihm vorgeschrieben werden, sondern um sein persönliches Anliegen, das er mitbringt, z.B. Schwierigkeiten bei der Organisation des eigenen Lernens, bei der Vorbereitung der Klassenarbeit, bei der Konzentration, beim Melden im Unterricht.
Was auch immer der Coachee mitbringt: Sein Trainer, der Coach, hat kein fertiges Konzept, sondern analysiert zunächst mit dem Schüler dessen Anliegen, spricht über dessen Stärken und lässt ihn sein Ziel formulieren. Um dies zu erreichen, wird eine ganz individuelle Lösung erarbeitet, die aus kleinen, realistischen Schritten besteht. Diese muss der Schüler bis zur nächsten Sitzung im Unterricht oder am eigenen Schreibtisch erproben. Ist sie alltagstauglich, sein Problem also gelöst, können sich beide einem anderen Anliegen widmen oder das Coaching beendet. Konnte der Schüler noch keine oder zu wenig ihn zufriedenstellende Erfolge erzielen, wird überlegt, an welchen Stolpersteinen er sich gestoßen hat. Notfallpläne werden entwickelt, die diese Probleme beheben können.
Kerstin Rehermann schilderte, dass das Lerncoaching im Moment für Schüler und Schülerinnen der Jahrgänge 5 bis 9 angeboten wird. Dabei stehen im zweiten Schulhalbjahr besonders die Kinder und Jugendlichen im Vordergrund, deren Versetzung gefährdet ist. Im ersten Schulhalbjahr kann sich jeder anmelden, der mit seinem Lernen unzufrieden ist und sich verbessern möchte.
Wichtigste Voraussetzung ist dabei die Freiwilligkeit: Das Lerncoaching kann zwar durch den Fachlehrer empfohlen werden, aber der Schüler muss es selbst wollen, muss selbst motiviert sein, das eigene Lernverhalten zu verändern. Wie in jeder Beratungsarbeit ist die Verschwiegenheit natürlich oberstes Gebot. Und schließlich wird darauf geachtet, dass der Coach nicht gleichzeitig Fachlehrer des Coachees ist, damit es keine Rollenkonflikte gibt.
Hat der Schüler sich angemeldet, entscheidet das Team, ob er einzeln oder in einer Gruppe von vier bis sechs Schülern gecoacht wird. Während das Einzelcoaching pro Sitzung ca. 20 bis 25 dauert und im Laufe des Schulvormittages stattfindet (der verpasste Unterrichtsstoff muss nachgeholt werden), findet das Gruppencoaching, das ca. 45 Minuten umfasst, am Nachmittag statt. Die ca. fünf bis sechs Sitzungen findet meistens im 14-tägigen Rhythmus statt und ziehen sich also über einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten.
Nach dem Vortrag gab es von Seiten der Eltern viel Lob und viele Fragen: Ob denn auch „schwierige Fälle“ nach fünf bis sechs Sitzungen fertig seien. Das konnte so pauschal nicht beantwortet werden, Fakt sei, so Melanie Schumacher, die die Fragerunde leitete, dass jedem Schüler so viel Zeit zur Verfügung stünde, wie nötig. Die Frage, wie die Gruppen zusammengesetzt werden, konnte ebenfalls beantwortet werden: Es werde darauf geachtet, dass die Schüler in derselben Jahrgangsstufen seien und ähnliche Anliegen hätten. Es könne aber auch sehr reizvoll und sogar hilfreich sein, wenn verschiedene Themen mitgebracht würden, dann könnten die Schüler sich gegenseitig coachen. Nur die Frage einer Mutter, die 1991 ihr Abitur am Fürstenberggymnasium gemacht hat und jetzt in Bayern wohnt, ob es dieses Konzept auch in ihrem Bundesland gebe, konnte nicht beantwortet werden. Da muss evtl. noch Pionierarbeit mit Hilfe von Lerncoaching-Flyern aus Recke geleistet werden.

Erstveröffentlichung am 21.02.2018 in der Ibbenbürener Volkszeitung