interview

Anna Hannebohm und Zoe Schockmann (beide in der Q2) im Gespräch mit Bischof Filbert Mhasi (aufgezeichnet am 05. Dezember 2019 in Recke, übersetzt aus dem Englischen)

Zoe: Können Sie Ihre Diözese in Tansania vorstellen? Wie heißt sie, wie viele Mitglieder hat sie, was macht sie besonders?

Bischof: Ich bin der katholische Bischof der katholischen Diözese Tunduru-Masasi. Diese Diözese liegt im südlichen Teil von Tansania und sie ist in drei Bezirke unterteilt. Die Gesamtzahl der Menschen, die in der Diözese leben, beträgt 997 000. Eine Menge Leute, aber unter diesen sind fast 90 Prozent Muslime. Nur 10 Prozent sind Christen. Und unter den Christen sind nur fünf Prozent Katholiken; die restlichen Prozent Anglikaner und andere Konfessionen.
Die Menschen in der katholischen Diözese Tunduru-Masasi sind sehr von den Cashewnüssen abhängig. Wir bauen zwar auch Reis und Mais an, aber die wichtigste Ernte ist die der Cashewnüsse. Diese helfen den Menschen genug Geld zu verdienen, damit sie ihr Leben sichern können.

Anna: Was sind die größten Herausforderungen, mit denen Sie als Bischof konfrontiert sind?

Bischof: Das Hauptproblem ist die Armut. Meistens aufgrund dessen, dass wir in Bezug auf Bildung immer noch im Rückstand sind, insbesondere in meiner Diözese sind die Menschen nicht gut gebildet.
Viele Mädchen werden früh schwanger. Oft kommt es vor, dass ein 14- bis 16-jähriges Mädchen schwanger wird, sodass es seine Ausbildung nicht fortsetzen kann. Das System ist folgendermaßen aufgebaut: Wir haben dort einen Kindergarten, eine Grundschule und eine weiterführende Schule. Wir haben keine Colleges und Universitäten; deshalb müssen sie dafür an andere Orte in Tansania gehen. Viele bekommen sowieso nicht so gute Noten und können deshalb nicht mit dem College oder der Universität fortfahren. Das Hauptproblem ist also die Armut. Und das liegt daran, dass die Menschen bei der Ernte nicht genug verdienen. Manchmal bekommen sie – wie in diesem Jahr – eine gute Ernte, aber wegen des Wetters im nächsten Jahr vielleicht nicht. Sie bekommen nicht genug Geld und daran zeigt sich, wie sie auf die Cashewnüsse angewiesen sind. Zum Beispiel auch um ihre Kinder zur Schule zu schicken, Arztrechnungen zu bezahlen und Lebensmittel und Kleidung zu kaufen. Man kann feststellen, dass es einen Teufelskreis gibt. Das Gleiche gilt für den ganzen Ort. Die Menschen haben also nicht genug Geld, um ein gutes Leben zu führen.

Zoe: Kann jeder Schüler die Grundschule besuchen oder müssen einige arbeiten?

Bischof: Nach Angaben der Regierung und des Bildungsministeriums muss jedes Kind, das sechs oder sieben Jahre alt ist, sieben Jahre lang die Grundschule besuchen. Sie gehen sehr streng damit um, denn wenn die Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schicken, insbesondere wenn es sich um Grundschüler handelt, wird die Regierung hinter diesen Eltern her sein. Manchmal gehen sie sogar zu den Häusern, um zu überprüfen, ob Ihre Kinder zur Grundschule gehen. Nach der Grundschule müssen die Kinder eine nationale Prüfung ablegen.
Und wenn sie gute Noten haben, besuchen sie die Sekundarschule, welche sechs Jahre dauert. Diese wurde in zwei Phasen unterteilt, erst vier Jahren, nach denen sie wieder eine nationale Prüfung ablegen müssen, und wenn Sie gute Noten erhalten, absolvieren sie weitere zwei Schuljahre. Danach kann man zur Hochschule gehen.

Zoe: Was passiert mit den Schülern, die bei den nationalen Prüfungen keine guten Noten bekommen?

Bischof: Wenn Sie keine guten Noten bekommen, haben Sie eine andere Wahl. Sie haben die Möglichkeit eine Ausbildung zu machen, die ihren Fähigkeiten entspricht. Die Jungen beispielsweise können Tischler oder Elektriker werden. Und auch die Mädchen können eine Ausbildung machen, zum Beispiel zur Schneiderin.

Anna: Gibt es Unterschiede zwischen der Kirche in Deutschland und der Kirche in Tansania?

Bischof: Ein Unterschied liegt in der Anzahl der Besucher des Sonntagsgottesdienstes und des täglichen Gottesdienstes. Aber wir sind alle katholisch. Katholische Priester, Katholischer Glaube für alle Katholiken, aber die Anzahl der Besucher ist sehr unterschiedlich. Hier in Deutschland gehen nicht mehr so viele Leute in die Kirche, und besonders unter den jungen Leute gehen wenige regelmäßig. Aber bei uns sind fast alle Leute der Gemeinde da, besonders sonntags ist es voll, und sogar die Jungen und Mädchen, sogar die Kinder, gehen in die Kirche. Die Kinder bereiten oft sogar ihre eigene Liturgie vor, genauso wie einen eigenen Chor. Es ist also ein ziemlicher Unterschied. Manchmal sieht ein Chor hier in Deutschland so aus , dass am Sonntag nur einen Mann / eine Frau die Orgel spielt, und vielleicht sind ein paar Chormitglieder dort.
Die meisten Dinge sind aber fast gleich, weil wir alle katholische Christen sind.

Zoe: Haben Sie in Deutschland etwas erlebt, das Sie überrascht hat oder das Sie weder in der Schule noch in der Kirche erwartet haben?

Bischof: Ja. Eines der Dinge, dass sich deutlich von Tansania unterscheidet, ist das Kommunikationssystem. Es ist so gut. Und wenn ihr über das Internet oder ein Netzwerk oder ähnliches sprecht, verfügt fast jedes Haus, jedes Büro über WLAN. Davon haben wir in Tansania nichts. Es gibt sehr wenige Plätze, die so gut vernetzt sind. Eine andere Sache, die mich schockiert hat, ist dass ich viele Menschen getroffen habe, die sehr hart arbeiten und Pünktlichkeit sehr genau nehmen. Wenn man 8:00 Uhr sagt, dann meint man wirklich 8:00 Uhr. Dies ist ein bisschen anders als in Tansania.

Zoe: Also sind die Menschen dort entspannter, wenn es darum geht?

Bischof: Ja, dass sind wir. Natürlich gibt es auch welche, die sehr streng sind. Ich selbst bin sehr pünktlich und ich danke Gott, dass ich das von meinen Eltern vermittelt bekommen habe und sie mich sehr gut erzogen haben. Was die Zeit anbelangt, sind die Leute in Tansania so, dass sie sagen: “Kein Problem ich bin auf dem Weg!”, obwohl sie schon zu spät sind; das ist anders als hier. Das bringe ich den Kindern meiner Gemeinde auch nicht so bei. Ich finde das gehört sich nicht so.

Anna: Und wie hat Ihnen der Weihnachtsbasar am Sonntag gefallen? Kennen Sie etwas vergleichbares?

Bischof: Das hat mich sehr überrascht und ich habe das nicht in diesem Ausmaß erwartet. Ich habe vom Weihnachtsbasar gehört, als ich zum Bischof von Tunduru-Masasi ernannt wurde, aber ich habe nicht erwartet, dass es so groß ist, wie es war. Ich danke Gott wirklich dafür, weil jeder Schüler, den ich sehen konnte, beschäftigt war. Viele Schüler waren am Vortag bereits hier und am Tag des Weihnachtsbasars haben sie die gesamte Zeit über sichergestellt, dass sich alle Besucher zurechtfinden und die selbstgemachten Dinge kaufen, die die Schüler liebevoll vorbereitet haben. Viele Eltern oder Freunde kamen auch hierher. Manchmal war es schon sehr schwer, durch die Gänge zu laufen, weil es so viele waren. Für mich war es eine große Überraschung und ich habe wirklich nicht damit gerechnet. Vielen Dank für alles, was ihr für uns tut.

Anna: Haben Sie etwas Ähnliches wie der Weihnachtsbasar?

Bischof: Im Allgemeinen wird das Weihnachtsfest in Tansania mehr oder weniger nur zwei oder drei Tage lang gefeiert. Hier in Deutschland kann man schon ein paar Wochen vor Heiligabend Weihnachtsdekorationen sehen, den wir normalerweise nur wenige Tage vor Weihnachten herausholen. Einige feiern ab dem 23.12., einige ab dem 24.12. selbst. Diese Tage sind die, die sie genießen, so ca. bis zum 26.12..
Aber so etwas, wie den Weihnachtsbasar habe ich noch nicht erlebt. Vielleicht könnt ihr es meiner Diözese vorstellen. Ich finde das wäre eine schöne Idee, weil es so eine gute Sache ist.

Zoe: Sind Sie zum ersten Mal in Deutschland oder waren Sie schon einmal hier?

Bischof: Dies ist mein erster Besuch in Deutschland, aber ich war in anderen Teilen Europas. Ich war in der Schweiz, ich war in Rom, Italien. Und für eine Woche war ich mit einem meiner Freunde in Dänemark. Außerdem habe ich mein Masterstudium in den USA absolviert.

Zoe: Sehen Sie einen großen Unterschied zwischen den Persönlichkeiten der Menschen in Europa/ Deutschland und in Tansania, zum Beispiel, wie die Menschen miteinander umgehen?

Bischof: Ja, ich denke schon. Zwar nicht viel, aber man merkt schon, dass die Menschen anders sind. Ihre Erziehung unterscheidet sich von unserer Erziehung. Für uns gibt es zum Beispiel Kindergartenschüler, die man alleine mit Freunden zur Schule gehen sieht; es sieht aus als würden sie morgens langsam spazieren gehen. Allgemein gehen mehr Kinder zu Fuß zur Schule. Vor allem sind die Strecken sehr weit und die Kinder oft sehr jung. Dasselbe gilt aber auch für die Mädchen und Jungen der weiterführenden Schule. Hier in Deutschland kümmern sich die Eltern einfach darum, dass die Kinder mit dem Bus fahren können oder sie nehmen das Fahrrad. Die Erziehung ist also anders. Und die meisten von Ihnen hier haben Laptops oder Computer. So ist es nicht bei uns. Die Menschen in Deutschland sind besser mit der ganzen Welt verbunden und haben ein anderes Bild von der Welt, eines das viel besser entwickelt ist. Deshalb unterscheidet sich die Art und Weise, wie sie die Dinge sehen zu der von uns.

Zoe: Haben Sie schon mal von dem Stigma gehört, dass die Deutschen sehr direkt und manchmal nicht so freundlich sind? Haben Sie solche Erfahrungen gemacht?

Bischof: Nein, ich denke, dass man aus solchen Gründen in die Länder reisen muss, damit man es dann selbst beurteilen kann. Deswegen wünsche ich mir auch manchmal, dass die Leute nach Tansania kommen und die wirkliche Situation dort sehen. Ich sage gerne, Sie werden Afrika anders sehen, anders als sie bis jetzt erwarten. Viele bringen jedes afrikanische Land mit Elefanten, Löwen und Schlangen in Verbindung; oft auch mit Armut. Aber das ist noch nicht alles. Es gibt viele gute Dinge. Und wenn sie wirklich dort sind, werden sie überrascht sein. Andersherum gibt es das auch von Afrikanern gegenüber Deutschen. Sie denken, die Leute sind ziemlich streng und, dass es wirklich schwierig ist, sich zu setzen und mit ihnen zu reden. Aber so ist es nicht. Ich weiß beispielsweise aus der Kirchengeschichte, dass Deutschland als Milchkuh der Kirche bekannt war; dass die Deutschen der Kirche halfen. Und meine Erfahrung ist: Die Deutschen helfen immer noch vielen afrikanischen Ländern. Auch wenn es um meine Diözese geht, obwohl es eine eher kleine Diözese ist. Wenn ich mit verschiedenen Ländern auf Grund eines Projektes in Kontakt bin, sind die Deutschen meistens am ehesten bereit zu helfen. Das ist der Grund, warum ich sage, dass man sich mal selbst überzeugen muss. Ein paar sind natürlich immer so wie man es erwartet, aber die Mehrheit ist anders.

Anna: Was würden Sie sagen, vermissen Sie an Tansania am meisten?

Bischof: Ich vermisse meine Arbeit als Bischof sehr, denn wenn ich zurückkehre, weiß ich, dass es viele Papierstapel zu bearbeiten gibt. Ich vermisse es, zu den Leuten zu gehen und mit ihnen zu reden, besonders an den Sonntagen. Außerdem vermisse ich die Interaktion mit den Menschen in meiner Diözese in den Gottesdiensten.
Ich würde gerne von euch wissen, was eure Vorstellungen von Tansania sind, also was ihr damit verbindet?

Anna: Ich denke als erstes an die Persönlichkeit der Menschen und dass sie anders sind als wir, weil ich es mir so vorstelle, dass sie anderen Menschen und insbesondere ihrer Familie und Freunden gegenüber herzlicher sind.

Bischof: Ja. Eines der guten Dinge an uns ist die Gastfreundschaft. Es gibt so viel gastfreundliche Menschen und auch wenn sie nicht viel haben, auch wenn einige von ihnen arm sind, versuchen sie alles, um immer ihr Bestes zu geben und mit dem was sie haben glücklich zu sein. Wenn sie einen Gast haben, geben sie ihr Bestes, damit sich dieser Gast wie zu Hause fühlt. Das ist was sie tun. Sie mögen es nicht, wenn es Besuchern aus dem Ausland oder gar aus anderen Orten in Tansania, schlecht geht und sie sich nicht willkommen fühlen. Was du sagst, ist also wahr: die Familie und die sozialen Interaktionen spielen eine große Rolle.

Zoe: Denken Sie, das liegt daran, dass weniger über Handys und Computer kommuniziert wird? Oder glauben Sie, das liegt nur an der Art und Weise, wie sie aufgezogen werden?

Bischof: Ja das ist eine gute Frage. Am Anfang, ja. Unser ehemaliger Präsident Julius Kambarage Nyerere ist derjenige, der Tansania so gemacht hat, wie es ist. Er achtete darauf, dass es keine Grenzen zwischen ethnischen Gruppen gab. Jeder tansanische Bürger sollte in einer Sprache kommunizieren, das ist Suaheli, die Sprache, die bei uns gesprochen wird. Das hat uns verbunden. Und er begann, das was wir Jamal-Sozialismus nennen. Menschen, die in ihrem Dorf zusammenleben, sollen sich gegenseitig helfen. Dies ist die Erziehung, die wir den Menschen geben sollten. Und dann sollten sie sich als Eins definieren. So lebten unsere Eltern, unsere Großeltern, von Anfang an. Und das ist bis jetzt vererbt worden, und das hat uns in diesem Aspekt sehr geholfen. Natürlich sehen wir dies jetzt langsam verschwinden. Einer der Gründe ist, wie du schon erwähnt hast, dass viele Leute Handys haben, sogar die Jungen und Mädchen. Viele solche Dinge gewinnen bei uns an Popularität, weil wir sehen wie sich die Welt verändert. Die meisten, die nach Europa reisen, und dann zurück nach Tansania kommen, bemerken den Unterschied zwischen den Kontinenten. Wir befürchten deshalb, dass wir in naher Zukunft unsere Werte verlieren könnten, weil die Menschen das tun wollen, was die anderen Menschen in den Länder in Europa tun. Man sieht immer mehr Leute, beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln, die nicht miteinander reden, sondern auf ein Handy starren. Also ist es ein Zwiespalt, weil wir zum einen so erzogen wurden, zum anderen aber auch den Einfluss der modernen Technologien spüren.
Plant ihr eines Tages einen Besuch in Afrika oder Tansania?

Zoe: Ich fände das sehr interessant. Vor ein paar Jahren gab es sogar schon Schüler, die zusammen mit Lehrern in Tansania waren.

Bischof: Ich denke, dass ihr es auf jeden Fall in Erwägung ziehen solltet. Ihr habt uns schon so lange geholfen und ich glaube, dass es eine tolle Erfahrung wäre, dass alles mal selbst zu sehen. Wir waren letzte Woche in Münster und ich hatte ein Gespräch mit dem Büro, das sich mit der Einsetzung von Freiwilligen in Afrika befasst. Und ich habe diesem Büro gesagt, dass wir auch mehr Freiwillige in meine Diözese nach Tunduru-Masasi holen müssen, vor allem aus Recke.

Anna: Ich glaube, dass es besonders spannend ist, einen Einblick in das afrikanische Leben und die tansanische Kultur zu bekommen.

Bischof: Es ist wirklich sehr interessant, die Kultur zu sehen, vor allen Dingen wie sie sich kleiden. Ich habe ein paar Freunde in der Schweiz. Wenn sie nach Tansania kommen, mögen sie es, sich wie Tansanier zu kleiden, und es sieht immer wunderschön aus. Letztes Jahr habe ich eine Freiwillige aus Erfurt kennengelernt. Sie war drei Monate bei uns und sie kleidete sich wie eine Tansanierin und genoss es so sehr. Sie war 22 Jahre alt, jetzt ist sie aber schon zurück. Alle, die mal da waren, sagen, dass sie es in Tansania genossen haben, genauso wie wir. Es ist ein sehr schöner Ort. Nicht so schlimm, wie manche Leute meinen, denn heutzutage kann man das Internet nutzen und die Straßen sind gut. Es gibt Autos und Busse. Es ist also nicht mehr so schlecht, wie man vielleicht als Bewohner eines weit entwickelten Landes denkt.

Zoe: Ja, dass kann ich mir vorstellen. Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben, um unsere Fragen zu beantworten. Es war wirklich interessant von ihren persönlichen Erfahrungen zu hören.

Anna: Ja, dankeschön. Und wir wünschen Ihnen eine gute Heimreise und hoffen Ihnen hat es hier gefallen.

Bischof: Das hat es und ich würde mich sehr freuen, euch vielleicht mal in Tunduru-Masasi willkommen heißen zu dürfen.